Newsletter 01/2010
Sondernewsletter Pro Kind
Sie wünschen sich regelmäßige Informationen rund um das Thema Kinderschutz in Sachsen und Neuigkeiten aus dem Projekt Netzwerke für Kinderschutz - Pro Kind Sachsen? Dann können Sie unseren Newsletter abonnieren.
Inhaltsverzeichnis
1. Editorial
- Dank der Projektleitung
2. Erste vorläufige Befunde aus der Begleitforschung
3. Zugänge zu Familien in schwierigen Lebenslagen
- Erfahrungen aus der Aufnahmephase in das Modellprojekt Pro Kind Sachsen
4. Unterschiede in den Vermittlungswegen zwischen Stadt und Land
- Bericht einer Koordinatorin
5. Hintergrundinformationen zum Projekt
- Das Projekt
- Das Konzept
- Die Forschung
6. Aktuelles
- Wanderausstellung „Eine Chance von Anfang an – junge Familien bewältigen schwierige Lebenslagen“
7. Impressum
1. Editorial
Liebe Leserinnen und Leser,
alle Plätze im Projekt Pro Kind Sachsen sind vergeben, so dass die Aufnahmephase in das Projekt im Dezember 2009 abgeschlossen werden konnte.
Insgesamt wurden 250 Teilnehmerinnen aus Dresden, Leipzig dem Landkreis Leipzig, dem Vogtlandkreis und dem Dresdner Umland in das Projekt aufgenommen. Damit wurden nicht nur die Zielzahlen für Sachsen erreicht, es konnten sogar Ausfälle von Projektteilnehmerinnen ausgeglichen werden.
Die angestrebte Zielgruppe von multipel risikobelasteten Schwangeren wurde erreicht. Im Durchschnitt liegen bei den in das Projekt aufgenommenen Frauen sechs oder mehr Belastungsfaktoren vor. Nur 10% der Frauen waren vor der Aufnahme in das Projekt Leistungsempfänger des Jugendhilfesystems.
Pro Kind ist es damit gelungen, erstgebärende Schwangere in schwierigen Lebenslagen zu einem frühen Zeitpunkt in der Schwangerschaft mit einem Frühpräventionsangebot zu erreichen.
Mit einem Anteil von 60% wurden über die Hälfte der Teilnehmerinnen durch Multiplikatoren aus verschiedenen Berufgruppen in das Projekt Pro Kind Sachsen vermittelt. Das verdeutlicht, wie wichtig die Vernetzung der unterschiedlichen beruflichen Professionen für die Frühen Hilfen und eine wirksame Sicherung des Kindeswohls ist.
An dieser Stelle bedanken wir uns recht herzlich für die Mitwirkung aller an der Vermittlung von Schwangeren beteiligten Partnerinnen und Partner.
Durch eine Vielzahl an konstruktiven Diskussionen konnte das Miteinander und das Projektdesign präzisiert werden. Zentrale Fragestellungen der Aufnahmephasen waren:
- Wie finden wir Zugang zu Familien in schwierigen Lebenslagen?
- Lassen sich überhaupt auf freiwilliger Basis Familien in schwierigen Lebenslagen mit einem Frühpräventionsangebot erreichen?
- Wie können Familien zu einem möglichst frühen Zeitpunkt erreicht werden?
- Wie können die Schnittstellen zwischen den Berufsprofessionen ausgestaltet werden, damit möglichst wenige Familien durch das Netz fallen.
Dieser Newsletter informiert sie kurz zusammengefasst über unsere gemachten Erfahrungen.
Weitere Informationen, fortlaufende Ergebnisse und Erfahrungsberichte finden Sie zukünftig in unserem Newsletter abonnieren.
Für das Pro Kind Team
Margot Refle
Projektleiterin Pro Kind Sachsen
Institutsleitung Felsenweg-Institut der Karl Kübel Stiftung
2. Erste vorläufige Befunde aus der Begleitforschung
Erste vorläufige Befunde aus der Begleitforschung (Quelle: t0-Datenbank):
Das Projekt Pro Kind Sachsen wird wissenschaftlich begleitet durch die Leibnitz Universität Hannover in Kooperation mit dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (Frau Prof. Tanja Jungmann, PD Dr. Peter Lutz) und der Universität Leipzig (Prof. Kai von Klitzing).
Zur erreichten Zielgruppe von Pro Kind Sachsen liegen folgende Daten vor:
Altersstruktur
- Das Durchschnittsalter der aufgenommenen Frauen beträgt 21 Jahre
- die jüngste Teilnehmerin ist 14 Jahre und
- die älteste Teilnehmerin ist 40 Jahre alt
Nationalität
- 98% der Teilnehmerinnen sind deutscher Nationalität
- 2% geben eine andere Nationalität - chinesisch, pakistanisch, rumänisch – an
Partnerschaft
- 92% der Teilnehmerinnen sind ledig
- 1% ist verlobt
- 5% sind verheiratet
- 2% leben in Trennung und
- Zum Thema Partnerschaft geben 72% der Frauen an, sich in einer festen Partnerschaft zu befinden, während 3% in einer lockeren Partnerschaft leben und 25% keinen Partner haben.
- Der Partner ist im Durchschnitt 24 Jahre alt. Die jüngsten Partner sind 16 Jahre alt und die ältesten 44 Jahre.
Schulabschluss
- 13% der Teilnehmerinnen haben keinen Schulabschluss.
- 7% gehen noch zur Schule
- 7% haben einen Abschluss der Förderschule
- 33% der Frauen haben einen Hauptschulabschluss,
- 31% besitzen die mittlere Reife und
- 6% haben Abitur
- 1% hat einen Abschluss der Fachhochschule
- 2% haben einen sonstigen Abschluss (Schule nach der 8. oder 9. Klasse verlassen)
Ausbildung
- 28% der Frauen haben keine Ausbildung begonnen
- 25% der Frauen haben ihre Ausbildung abgebrochen
- 17% befinden sich momentan noch in einer Ausbildung
- 16% absolvieren eine Lehre
- 8% durchlaufen ein berufsvorbereitendes bzw. berufsbegleitendes Jahr (BVJ bzw. BGJ)
- 3% besuchen die Berufsfachschule
- 2% geben einen sonstigen Abschluss (Teilabschluss der IHK) an
- 1% hat einen Universitätsabschluss
Belastungsfaktoren
- Die mittlere Risikobelastung der Teilnehmerinnen liegt bei 6 Risikofaktoren (SD = 2.58; Min = 1; Max = 13), wobei es keine Unterschiede zwischen Basis- und Begleitgruppe gibt (F (1;235) = .08; n.s.).
Zusammenfassung und Ausblick
Die im Projekt aufgenommenen Frauen sind multipel risikobelastet, wobei im Durchschnitt 6 Risikofaktoren vorliegen. Der überwiegende Teil der Frauen ist durch Vorliegen einer chronischen Erkrankung, Unerwünschtheit der Schwangerschaft, Gewalterfahrungen in der Vergangenheit, fehlende Erwerbstätigkeit sowie durch Bezug von Arbeitslosengeld II sowohl psychosozial, als auch finanziell belastet. Die Risikobelastung verteilt sich in beiden Untersuchungsgruppen (Kontroll- und Treatmentgruppe) in etwa gleich. Es liegen somit gute Vorraussetzungen vor, dass die Wirkung des Hausbesuchsprogramms mit fortschreitender Projektlaufzeit immer besser messbar wird.
Die Familien der Begleitgruppe erhalten bis zum 2. Geburtstag ihres Kindes bzw. bis Ende 2011 regelmäßige Hausbesuche durch ihre Familienbegleiterin. Derzeit sind 19 ausgebildete Pro Kind Familienbegleiterinnen (11 Hebammen und 8 Sozialpädagoginnen) im Einsatz.
Alle ins Projekt aufgenommenen und bis zum 24. Lebensmonat der Kinder im Projekt verbleibenden Frauen sollen zu den Zeitpunkten (t0 bis t4) wie geplant interviewt und der kindliche Entwicklungsstand mit standardisierten und international anerkannten Testverfahren erfasst werden.
Damit lägen bundesweit erstmals Daten zur Effektivität „Früher Hilfen“ vor, die erstens auf einer so großen Stichprobe basieren und zweitens, aufgrund des gewählten Forschungsdesigns, zweifelsfrei Aufschluss über die sowohl kurz- sowie als auch langfristigen Auswirkungen des Hausbesuchsprogramms „Pro Kind“ auf Teilnehmerinnen und ihre Kinder geben.
Die Möglichkeiten der Finanzierung einer längerfristigen Begleitforschung (z.B. Untersuchung der Kinder mit 4 und 6 Jahren), beispielsweise durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft oder EU, werden derzeit geprüft und Voraussetzungen dafür werden vorbereitet.
Dipl.-Psych. Susan Sierau
Wissenschaftliche Mitarbeiterin
Universität Leipzig, Medizinische Fakultät
Klinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Kindes- und Jugendalters
3. Zugänge zu Familien in schwierigen Lebenslagen
Erfahrungen aus der Aufnahmephase in das Modellprojekt Pro Kind Sachsen
Nachdem die Aufnahmephase von Pro Kind beendet ist, kristallisieren sich anhand der Vermittlungsstatistik folgende Erfahrungen heraus:
1. Die angestrebte Zielgruppe wurde durch Pro Kind erreicht.
Es wurden 250 erstgebärende Schwangere in einer schwierigen Lebenslage in das Projekt aufgenommen. Im Durchschnitt lagen 6 Risikofaktoren vor.
Aufnahmestand Sachsen 31.12.2009
Interessentinnen: | 372 |
Aufnahmen: | 250 |
Ausfälle: | 45 |
Teilnehmerinnen: | 205 |
Teilnehmerinnen nach Gruppenzugehörigkeit
Begleitgruppe: | 106 |
Basisgruppe: | 99 |
Teilnehmerinnen nach Standorten Stand 31.12.2009
2. Die große Mehrheit der an Pro Kind vermittelten Frauen hatte zum Zeitpunkt der Aufnahme in das Projekt noch keinen Kontakt zum Jugendamt
Nur 5% aller Interessentinnen wurden direkt durch das Jugendamt in das Projekt vermittelt. Über 90% der Interessentinnen hatten zum Zeitpunkt der Aufnahme in das Projekt noch nie Hilfen über das Jugendamt erhalten.
Vermittlungswege ins Projekt

- N = 372 Interessentinnen, ** MSO – Modellstandorte
3. In der Vermittlungspraxis zeigen sich Unterschiede zwischen Stadt und Land.
Die Rolle der Koordinatorinnen in Bezug auf die Vermittlung von Teilnehmerinnen an das Projekt Pro Kind war in den Großstädten mehr auf die Information von potenziellen Multiplikatoren gerichtet. In den ländlichen Gebieten wurde die Person der Koordinatorinnen von den Multiplikatoren vor Ort als zentrale Vermittlungsinstanz bewertet und potenzielle Teilnehmerinnen wurden erst dorthin vermittelt. So liegen die durch Koordinatorinnen vermittelten Kontakte in Dresden und Leipzig zwischen 0 und 1 Prozent, im Landkreis Leipzig und im Vogtlandkreis dagegen zwischen 40 und 50 Prozent.
Vermittlungswege Landkreise
Vermittlungswege Großstädte
4. Geschlossene Vermittlungsketten haben sich in der Aufnahmephase bewährt.
Für Familien der Pro Kind Zielgruppe besteht häufig eine hohe Hemmschwelle in der Kontaktaufnahme zu Institutionen und Behörden. Hilfreich hat sich die Vermittlung der Familien durch Vertrauenspersonen aus unterschiedlichen Berufsgruppen in das Projekt erwiesen. Damit niemand an den Schnittstellen durch das Netz fällt, wurde bei der Vermittlung in das Projekt mit Einverständniserklärungen gearbeitet. So konnten die Multiplikatoren Adressen der Frauen an das Projektteam weitergeben. Im Sinne eines aufsuchenden Angebots konnten wir als Projektteam dann den Kontakt mit den Frauen aufnehmen. Viele Frauen betrachteten die Kontaktaufnahme durch den Projektträger als ernsthaftes Interesse an ihrer Lebenssituation und freuten sich über das Interesse.
Anteil der Selbstmelderinnen
Garnet Helm
Stellvertretende Projektleiterin
Pro Kind Sachsen
4. Unterschiede in den Vermittlungswegen zwischen Stadt und Land
Bericht einer Koordinatorin
Drei Fragen an Lilly Schwarzburger Koordinatorin der Netzwerke für Kinderschutz im Vogtlandkreis
Frau Schwarzburger, alle Standorte von Pro Kind Sachsen haben Ihre jeweilige Zielzahl an Teilnehmerinnen erreicht. Allerdings gab es Unterschiede zwischen den Großstädten und den Landkreisen, was die Vermittlungswege angeht. Welche Unterschiede konnten festgestellt werden?
„Der Hauptunterschied lag im Vermittlungsweg der Multiplikatoren. In den Städten wurde der direkte Zugang zum Projektträger „Felsenweg-Institut“ gewählt. Nur ca. 1 % der potentiellen Teilnehmerinnen wurde über die Koordinatorinnen vermittelt.
In den Landkreisen lag die Vermittlungsquote über die Koordinatorinnen zwischen 40 und 50%. Für den Modellstandort Vogtlandkreis kann ich sagen, dass die involvierten Professionen (z. B. Schwangerenberatungen, ARGEN, Gesundheitsämter, Gynäkologen, Vereine …) oft einen direkten Kontakt zwischen mir und den potentiellen Pro Kind Teilnehmerinnen geschaffen haben. Wenn die Frauen nach einem Informationsgespräch über das Aufnahmeprocedere und den Projektverlauf die Bereitschaft zur Teilnahme zeigten und die Kriterien für Pro Kind erfüllt waren, habe ich die Schwangeren an den Projektträger weiter vermittelt.“
Wie erklären Sie sich diesen Unterschied?
„In den Großstädten gibt es eine Vielzahl an verschieden Initiativen, Projekten und Institutionen. Aufgrund dessen sind es die Professionen dort gewöhnt, Kontakte zu Personen/ Einrichtungen herzustellen, die einem persönlich unbekannt sind, um Hilfen für Klienten zu bekommen. Die Koordinatorin fungiert dort eher als Initiatorin für Veranstaltungen, informiert und verteilt Materialien. Nach dieser Erstinformation wählten die Multiplikatoren den direkten Weg zum Projektträger.
Bei uns im Landkreis ist eine Vertrauensperson vor Ort gleichzeitig ein wichtiger Bezugspartner für die Multiplikatoren. Ein Projektträger, der weit weg in einer Großstadt sitzt, ist da oft zu anonym. Die Leute wollen wissen, zu wem ihre Klienten vermittelt werden. Wir haben auch festgestellt, dass es für die potentiellen Teilnehmerinnen niederschwelliger ist, sich bei jemandem vor Ort zu informieren und sich zu bewerben.“
Welche Schlüsse kann man aus diesem Ergebnis für weitere andere oder ähnliche Projekt ziehen?
„Man kann nicht mit einer Strategie überall agieren, sondern muss sich an den Gegebenheiten vor Ort orientieren. Dazu muss man in Erfahrung bringen, wie Strukturen vor Ort sind und was die Menschen benötigen, um offen für Neues zu werden.
Neue Ideen und Projekte haben dann eine Chance, wenn Sie an der Lebenswelt aller Beteiligten, sowohl der Klienten als auch der bereits im System agierenden Fachleute anknüpfen.“
Lilly Schwarzburger
Netzwerkkoordinatorin
Projektstandort Vogtlandkreis
5. Hintergrundinformationen zum Projekt:
- Das Projekt (PDF - 1,4 MB)
- Das Konzept (PDF - 57 kB)
- Die Forschung (PDF - 147 kB)
6. Aktuelles
Wanderausstellung „Eine Chance von Anfang an – junge Familien bewältigen schwierige Lebenslagen“
Pro Kind plant eine Wanderausstellung mit dem Titel:
„Eine Chance von Anfang an – junge Familien bewältigen schwierige Lebenslagen“
Mit der Ausstellung wollen wir eine breite Öffentlichkeit für die Chancen des frühpräventiven Ansatzes im Kinderschutz sensibilisieren.
Es soll veranschaulicht werden, wie Eltern in Problemlagen gestärkt werden können und eine gesunde Entwicklung ihrer Kinder gefördert werden kann. Die Komplexität an Herausforderungen, vor denen Pro Kind - Familien in schwierigen Lebenslagen stehen, soll dem Betrachter mit Bildmaterial, Texten und Einblicken in den Alltag der Familien bzw. Frauen nahe gebracht werden.
Auf themenbezogenen Tafeln werden exemplarisch Ansätze zur Begleitung dieser Familien und erfolgreiche Bewältigungsstrategien dargestellt.
Darüber hinaus soll die Ausstellung dazu beitragen mit interessierten Menschen in Politik und Gesellschaft sowie den Fachkräften in den bestehenden Netzwerken für Kinderschutz ins Gespräch zu kommen und den professionsübergreifenden Dialog zu diesem Thema weiter zu fördern.
7. Impressum
Der Newsletter „Netzwerke für Kinderschutz- Pro Kind Sachsen“
Herausgeber:
Felsenweg-Institut
der Karl Kübel Stiftung für Kind und Familie
Tolkewitzer Straße 90
01279 Dresden
Telefon +49 (0) 3 51 - 2 16 87 - 0
Telefax +49 (0) 3 51 - 2 16 87 - 29
info@felsenweginstitut.de
Institutsleitung: Günter Refle, Margot Refle
Steuernummer: 07/250/45058
Redaktion: Margot Refle, Garnet Helm, Sylke Bilz
Fotos: Felsenweg-Institut, Pro Kind Familien - Susan Sierau
Redaktionsschluss: 25. Januar 2010
ViSdP: Günter Refle
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